Lebenslinien

John Lanchester, Kapital Heyne, 800 S., April 2014

John Lanchester
Kapital
Heyne, 800 S., April 2014
Hier erhältlich

Ein Spitzenbuch: Hinter dem gewaltigen Titel verbirgt sich einer der gelungensten und vielschichtigsten Gesellschaftsromane, die ich jemals gelesen habe. Dreh- und Angelpunkt des Romans ist die Pepys Road in London.

John Lanchester erzählt multiperspektivisch vom Leben der Anwohner, Gäste, Bediensteten, Handwerker sowie einer Politesse, in deren Zuständigkeit diese Straße fällt. Eine ungeheure Bandbreite von Paralleluniversen tut sich auf: Die Leute leben nebeneinander her und nehmen einander zumeist noch nicht einmal wahr. So erfahren wir vom Leben eines reichen Börsenmaklers und seiner Familie mitsamt ihren Angestellten und Handwerkern; von der alten Dame, die in dieser Straße schon ihr Leben lang wohnt und so über die Jahre – nur von ihr selbst unbemerkt – zu ungeheurem Grundbesitz-Reichtum gelangt; vom Anwalt eines großen Fußballvereins und dem Schicksal seines neu eingekauften Fußball-Talents; von den pakistanischen Eckladenbetreibern; und von Quentina, der Politesse. Jeder einzelne Charakter hätte wahrscheinlich schon für einen eigenen Roman getaugt. Aber durch den Mix der Schicksale ist und bleibt das Buch bis zur letzten Seite kurzweilig und spannend. Etwa ab der Buchmitte wünscht man dann schon längst einen bestimmten Ausgang einzelner Probleme herbei. Doch wie im richtigen Leben geht es mal so und mal so aus. Der Autor zeichnet ein vielschichtiges Panorama, schildert das Leben der Protagonisten detailliert und eindringlich in einer stilistisch und sprachlich beeindruckenden Weise, so dass ich das Buch kaum wieder aus den Händen legen konnte. Ein Gesellschaftsporträt, das diesen Namen wirklich verdient.

Wenn hier also alles an einer Straße hängt, fällt mir doch auch gleich noch eine Straße ein, deren Anwohner zwar nicht ganz so facettenreich sind, die dafür aber dermaßen im Zentrum des Geschehens steht, dass sogar die ganze Sendung nach ihr benannt wurde. Na? Natürlich, die Lindenstraße, meine ehemalige Lieblingsserie. Leider bin ich vor 15 Jahren ausgestiegen. Was ich heute ein bisschen bedaure. Neulich habe ich übrigens, glaube ich zumindest, Isolde in der Stadt gesehen. Wenn sie es tatsächlich war, wäre es das erste Mal, dass mir jemand aus dieser Sendung über den Weg lief. Außer Harry Rowohlt habe ich von denen noch nie jemanden getroffen. Und der lief mir auch nicht über den Weg, sondern ich habe vorsätzlich eine seiner Lesungen besucht.

Ansonsten treffe ich Celebreties eigentlich nie. Einmal habe ich allerdings einen älteren Herrn gesehen, der aus dem kulturellen Leben bekannt und in den Medien präsent war. Im ersten Moment konnte ich ihn nicht richtig einordnen, er kam mir aber wirklich sehr bekannt vor. „Ach hallo, wie geht es Ihnen denn?“ Kaum gefragt, fiel mir augenblicklich ein, dass es Herr V. war. Wie peinlich. Wir waren nur dummerweise nicht irgendwo auf der Straße, wo ein Abtauchen leicht möglich gewesen wäre, sondern im Mini-Warteraum eines Flughafen-Gates. Es gab also kein Entkommen. Nach einem eher, sagen wir, holprigen Gesprächsbeginn unterhielten wir uns bis zum Abflug dann wirklich sehr nett. Am Zielort angekommen, stellten wir sogar erfreut fest, dass wir in dieselbe Richtung fahren mussten und teilten uns das Taxi. Na ja, das Taxi schon, die Rechnung aber ging auf mich!

© Sabine Glitza, Bonn, 18.11.2014

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