Mein Lieblingsbuch 2014

Meg Wolitzer
Die Interessanten
DuMont, 608 S., Aug. 2014
Hier erhältlich!

Ich bin komplett begeistert. Mich hat das Buch DIE INTERESSANTEN so bewegt, dass ich mich gedanklich mindestens noch einen Monat nach Ende der Lektüre in dieser Romanwelt bewegt habe. Und das ist für mich das Qualitätsmerkmal schlechthin.

Worum geht’s? Die sechs jugendlichen Protagonisten treffen einander in einem Sommercamp unweit New Yorks. Es sind das schwerreiche Geschwisterpaar Ash und Goodman, Cathy, die einmal Tänzerin werden möchte, Jonah, der Sohn einer sehr berühmten Folksängerin, Ethan, der kreative Comic-Zeichner und Jules, die eher zufällig zu diesem Kreativ-Sommerlager dazu stößt. Vor allem für Jules bedeutet dieses Camp alles – sie merkt, dass sie sich hier neu erfinden und von den kleinbürgerlichen Zwängen ihres Heimatortes befreien kann. Die sechs finden als Gruppe schnell zusammen und nennen sich „Die Interessanten“. Von diesem Sommer an wird ihr Leben, das sich zu großen Teilen gemeinsam, aber auch getrennt voneinander entwickelt, über eine Zeitspanne von ca. 40 Jahren betrachtet. (Nur mal nebenbei bemerkt: Interessanterweise spielt dieses Buch zum Teil genau in den gleichen großbürgerlichen Gefilden, in denen sich auch die Theo, die Hauptperson in Donna Tartts DISTELFINK, eine Zeit lang bewegt.)

Durch die nicht unbedingt lineare Erzählweise wird DIE INTERESSANTEN noch spannender als es ohnehin schon ist. Die Autorin Meg Wolitzer erzeugt durch kleine Vorwegnahmen Neugier oder kündigt geschickt Entwicklungen an. Es gelingt ihr, eine Atmosphäre zu schaffen, die so authentisch ist, dass die Handlung wie ein Spielfilm vor meinem inneren Auge ablief. In der Hauptrolle als Jules ganz klar: mein All-Time-Darling Jodie Foster. Auch wenn sie letztens in dem sehr mäßigen Film DER GOTT DES GEMETZELS mitgespielt hat. Ich fand ihn vollkommen überbewertet, die Charaktere waren und agierten unglaubwürdig. Der Film war wirklich an den Haaren herbeigezogen. An selbigen übrigens nie gezogen hatte mich meine letzte Friseurin. Ich bewunderte sie für ihre Fertigkeiten und nach drei Jahren vertraute ich ihr blindlings. Leider vertraute sie mir neulich an, dass sie wegziehen würde. Nach Kopenhagen. Was für ein Schreck: Zum Friseur nach Kopenhagen zu fahren, das geht eindeutig zu weit. Also werde ich mir wohl oder übel eine neue Friseurin suchen müssen. Wie es der Zufall will, sitze ich heute, während ich diese Kolumne schreibe, auf dem Kopenhagener Flughafen und warte auf meine Rückflug nach Hause. Nur um es ganz deutlich zu sagen: Ich war nicht bei meiner alten Friseurin, sondern bin nur auf der Durchreise und muss viel Zeit überbrücken. Das geht hier allerdings sehr einfach, weil der Flughafen unerwartet groß ist und viele Shopping- und Essensmöglichkeiten bietet.

Meine Wahl fiel beispielsweise auf ein Thunfischbaguette. Zum Nachtisch gab’s einen Starbucks Grande Caffè Latte (ja, ich weiß, das geht eigentlich auf keinen Fall und ist mega uncool) und eine dänische Zimtrolle, empfohlen von der sehr netten Bäckerei-Verkäuferin nebendran. Sie lächelte übrigens immer noch freundlich, als ich in Ermangelung dänischer Kronen mit Kreditkarte zahlen musste (Kaufpreis 2,-€). Diese Entspanntheit war mir vorher bei den anderen Service-Leuten auf dem Flughafen auch schon aufgefallen. Am Starbucks-Stand war ich von so viel Freundlichkeit so verwirrt, dass ich die netten Smalltalk-Fragen des Verkäufers nicht ansatzweise locker beantworten konnte.

Mir fällt bei genauerem Nachdenken über diesen Umstand allerdings ein, dass schon bei der Hinreise der Sicherheitsbeamte auf dem Düsseldorfer Flughafen so freundlich war wie noch nie einer zuvor. Als ich nämlich erklärte, dass ich nichts weiter Gefährliches oder Flüssiges dabei hätte, sagte er doch tatsächlich: „Na, dann haben Sie also nichts außer Ihrer sehr schönen, neuen Tasche.“ Und so etwas von einem Mann! Verdutzt lächelte ich ihn an. Noch nicht wissend, dass diese Verwirrung, hervorgerufen durch unvermutete Freundlichkeit des Flughafen- und Service-Personals, quasi zum Leitmotiv meiner Reise werden sollte. (Auf die Vorkommnisse zwischen Hin- und Rückflug komme ich eventuell ein anderes Mal zu sprechen.) In der Zwischenzeit muss ich erst mal nachforschen, ob eventuell eine internationale Flughafen-Freundlichkeits-Offensive ausgerufen wurde, von der ich einfach nichts mitbekommen hatte.

© Sabine Glitza, Bonn, 15.12.2014

1 Kommentar bei Mein Lieblingsbuch 2014

  1. Doro
    8. Januar 2015 bei 15:26 (3 Jahre ago)

    Komm doch mal wieder nach Berlin, vielleicht wird das Flughafenpersonal dort dann auch freundlicher ;-)

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