Nichts als die Wahrheit

Matt Haig Ich und die Menschen dtv, 352 S., 01.04.2014

Matt Haig
Ich und die Menschen
dtv, 352 S., April 2014
Hier erhältlich

Meine Lieblingsbuchhändlerin Frau G. hat’s empfohlen. Die Handlung hörte sich ein wenig krude an und man kann nichts beschönigen, sie ist krude – aber auch sehr komisch: Der schlauste Mensch der Welt, ein englischer Uniprofessor in Cambridge, entdeckt die Weltformel. Das erfüllt die übrigen Weltraum-Bewohner mit Sorge, sind die Menschen doch allgemein als etwas einfach und aggressiv bekannt. Um etwaige, mit der Formel nun mögliche, feindselige Expansionsgelüste der Menschen zu verhindern, beschließen die Außerirdischen, den Professor und seine Mitwisser zu eliminieren. Gleich die gesamte Menschheit auszurotten, die ohnehin nur irgendwo ganz am Rand des Weltraumgeschehens wohnt, scheint ihnen übertrieben. Der Professor ist also schnell liquidiert. Jetzt folgt der etwas schwierigere Teil, nämlich die Mitwisser zu identifizieren. Dazu wird ein Außerirdischer ausgewählt, der in den Körper des toten Professors schlüpft. So unauffällig das alles aus Sicht der Außerirdischen passiert, so irritierend sind dann die Verhaltensweisen des vermeintlichen Professors für sein Umfeld. Nur unzureichend über die Menschen informiert, weiß der neue Professor beispielsweise noch nicht, dass man sich als Mensch nur bekleidet durch die Welt bewegen darf. Auf seinen ersten Nackt-Spaziergang über den Uni-Campus folgt daher ein kurzer Aufenthalt in der Psychiatrie, aus der ihn seine nichts ahnende Frau aber bald wieder abholen darf. (Die Ärzte haben sich auf Komplettaussetzer wegen Überarbeitung geeinigt und ein wenig Ruhe verordnet.)

Die Ehefrau, die ein sehr unterkühltes Verhältnis zu ihrem Mann hat, verfrachtet ihn also ins Bett und bringt ihm etwas zu essen. Warum sie so etwas Nettes tue, fragt der vermeintliche Professor ehrlich erstaunt über solch irrationale Handlungsweisen. Sie wittert Ironie und antwortet unfreundlich und abweisend. Ähnlich reagiert sie auf die Frage, ob sie wohl eine gute Ehe führten. Doch es kommt, wie es kommen muss, sie verliebt sich erneut in „ihren Mann“. Auch der Sohn findet das erste Mal in seinem Leben Zugang zu „seinem Vater“. Der Außerirdische lässt unerlaubterweise Gefühle zu und würde gerne bei seiner neuen Familie bleiben. Alles hätte so schön weitergehen können, doch jetzt gehen die Probleme erst richtig los. Mehr erzähle ich hier nicht. Nur:

Lest dieses Buch! Und das Wichtigste: nähert ihm euch nur mit Stift und Papier (bunte Blätter und Kalligraphiesets sind auch okay), denn dieses Buch enthält haufenweise Wahrheiten über das Menschsein. Ich hatte dauernd das Gefühl, jetzt eigentlich aufstehen zu müssen, um etwas zum Schreiben zu holen, damit ich mir die eine oder andere Weisheit mal aufschreiben kann. Wenn ich aber mitten am Lesen bin, ist die Aufsteherei schwieriger als gedacht, weil entweder der Kater so gemütlich auf meinem Schoß liegt und schnurrt, ich einfach viel zu faul bin, auch nur fünf Schritte zu gehen oder natürlich mal wieder niemand in der Nähe ist, der mir Gewünschtes reichen würde.

Ich kann es übrigens nicht glauben, dass ich diesen Tipp gebe. Ich finde Unterstreichungen in Romanen mindestens genauso schrecklich wie Kommentare am Seitenrand („genau!“ oder „wichtig“). Hab ich mal mit 16 in den Sartre-Büchern versucht, aber es war mir damals schon vor mir selbst peinlich. Aktionen dieser Art habe ich umgehend wieder eingestellt – und zwar bis heute. U n d j e t z t d a s! Also, ich hätte am liebsten alles aufgeschrieben. Das ging aus besagten Gründen aber nicht. Man muss sich also unbedingt vorher! alles zusammensuchen, worauf ich euch jetzt nochmals ausdrücklich hinweisen möchte.

Eine Woche nach Lektüre des Romans ging ich übrigens in eine andere Buchhandlung und schaute, wie dieses große Buch der Wahrheit dort wohl präsentiert würde. In dem Buch steckte tatsächlich eine handgeschriebene Empfehlung einer mir unbekannten Buchhändlerin: „Legen Sie sich etwas zum Notieren parat“. HA! Und ungelogen habe ich Ähnliches noch zweimal zu diesem Buch gefunden. Können so viele Menschen irren? Natürlich kenne ich des Lateiners Lieblingsspruch, aber der gilt hier nicht, denn es gibt immer Ausnahmen. Und dieses Buch ist eine. Ich persönlich habe mir vorgenommen, „Ich und die Menschen“ nächstes Jahr noch einmal zu lesen. Und vorne auf dem Cover klebt bereits ein Post-it: „Stift und Zettel!!!“.

© Sabine Glitza, Bonn, 22.10.2014

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