Schnörkellos

Stoner

John Williams
Stoner
dtv, 348 S., Nov. 2014
Hier erhältlich!

Dieses Buch ist wirklich außergewöhnlich. Es kommt so leise, nüchtern und unaufgeregt daher und hat dabei eine unglaubliche Intensität! Alle großen Themen des Lebens werden am Beispiel eines Schicksals aufgriffen: Es geht um William Stoner, dessen Leben von der Geburt bis zum Tod erzählt wird.

Stoner, der Ende des 19. Jahrhunderts in Missouri geboren wird, wächst als Farmerssohn in einem armen Elternhaus auf. Der Vater ermöglicht ihm überraschend ein Studium der Agrarwissenschaft am nächstgelegenen College. Als Stoner während seines Studiums mit englischer Literatur in Berührung kommt, meldet er sich kurz entschlossen von den Agrarwissenschaften ab, um fortan Literatur zu studieren.

Stoner bleibt sein Leben lang als Assistenzprofessor an der Universität. Er heiratet, führt eine furchtbare Ehe und wird Vater einer Tochter, um die er sich – in Teilen – unbeholfen liebevoll kümmert. Stoner widerfährt so einiges, die meisten Dinge nimmt er aber eher verwundert zur Kenntnis. Im Sterben überlegt er, was er vom Leben erwartet hatte. Die große Frage, ob sein Leben als gescheitert zu beurteilen sei – gemessen an Erwartungen oder Erreichtem – wird schließlich auf den letzten Seiten verhandelt.

In diesem Roman geht es um alles. Stoners Antworten auf die Fragen des Lebens sind teilweise naiv, teilweise reflektiert, teils vollkommen unzulänglich, teils fast schon weise. Ein Leben wird mit großer Einfühlsamkeit beschrieben, ein wirklich großes Buch ist entstanden. Die Überraschung bei STONER liegt zusätzlich darin, dass das Buch bereits vor fast 50 Jahren das erste Mal erschienen ist und damals nach einem kurzen Achtungserfolg sang- und klanglos wieder von der Bildfläche verschwand. 2006 wurde es wiederentdeckt und entwickelte sich zu einem Welterfolg. Vorletztes Jahr erschien das Buch auf Deutsch und ist seitdem in den Bestsellerlisten vertreten.

So unwägbar kann also das Leben verlaufen. Sei es das von Büchern oder das von Menschen. Nicht ganz so unwägbar, aber doch großen Schwankungen unterworfen, ist beispielsweise auch die Mode. So sind bei Jeans mal Röhrenschnitte angesagt, mal (und hoffentlich nie wieder) Karottenform, mal enden sie auf Hüfthöhe, manchmal aber auch am Bauchnabel. Eine Zeitschrift bot einmal als kleine Hilfestellung den Tipp, jeden Modetrend nur einmal im Leben mitzumachen. Beim ersten Mal wirke es noch cool, beim zweiten Mal auf jeden Fall lächerlich. Sollten Leggings, Stulpen, Schulterpolster oder Neonfarben jemals wieder in den Modefokus rücken, hätte sich die Frage nach dem Aufgreifen des Trends für mich also schon im Voraus erledigt.

Neben den Schnitten kommen aber noch die Farben ins Spiel, die ebenfalls zuverlässig alle wiederkehren. „Gelb ist das neue Lila“ kommentierte neulich eine Kollegin in undefinierbarer Tonalität meinen schönen neuen gelben Mantel. Damit ginge ich zumindest nicht verloren, fiel einer anderen Kollegin gleich tröstend ein. Die Krönung war aber der Ausruf einer Freundin, als ich bei ihr klingelte. Sie hat in ihrer Haustür ein Milchglasfenster und sagte beim Öffnen: „Ach, Du bist’s. Ich dachte, es wäre die Post!“ Jetzt weiß ich auf jeden Fall, woher der Ausdruck „Mut zur Farbe“ kommt.

Sabine Glitza, Bonn 29.01.2015

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