Verwirrende Gefühle

Graeme Simsion
Das Rosie-Projekt
Fischer Tb, 352 S., Jan. 2015
Hier erhältlich!

Lachend und mitfiebernd habe ich dieses Buch gelesen. Denn der Ich-Erzähler mit seinem großen Plan hat einen ziemlich ungewöhnlichen Blick auf unsere Welt. Sehr anders und zumeist: verständnislos. Das Buch ist übrigens nicht nur für Frauen – auch Bill Gates ist beispielsweise davon begeistert. Und ich wette, dass 99% derjenigen, die anfangen dieses Buch zu lesen, es nicht mehr aus den Händen legen können, bevor die letzte Seite gelesen ist!

Wir begeben uns mit Don Tillman, Asperger und Professor für Genetik, auf die Suche nach einer geeigneten Ehefrau. Die Emotionen seiner Mitmenschen sind für Don nur schwer bis gar nicht zu entschlüsseln, weswegen er in seinem Leben alles nach streng rationalen Kriterien ausrichtet. Manche (ihm unverständlichen) Reaktionsverläufe bei seinen Mitmenschen kennt er zwar schon aus leidvollen Erfahrungen und Beobachtungen oder ist durch dezente Hinweise eines befreundeten Kollegen und dessen Frau zumindest vorgewarnt. Doch Don will auf Nummer Sicher gehen, daher erscheint es ihm am vernünftigsten, beim „Projekt Ehefrau“ einen von ihm selbst entwickelten Fragenkatalog online zu stellen. So ließe sich – seiner Meinung nach – zumindest eine Vorauswahl treffen und seine Zeit würde nicht mit völlig unpassenden Kandidatinnen verschwendet werden.

Leider verlaufen die ersten Dates nicht wunschgemäß, denn die Kandidatinnen erweisen sich als erschreckend irrational. Als eines Tages eine Frau namens Rosie in sein Büro stürmt, nimmt Don ganz selbstverständlich an, dass sie die nächste Kandidatin sei und lädt sie gemäß zugrunde liegendem Plan unverzüglich zum Abendessen ein. Der Abend verläuft komplett anders als erwartet. Und hätte Rosie nicht von ihrem Wunsch erzählt, ihren biologischen Vater aufzuspüren, wäre es auch bei dieser einen Verabredung geblieben. Doch Don erklärt sich bereit, anhand von DNA-Proben den Erzeuger zu identifizieren. Er und Rosie hecken daraufhin einen kruden Plan aus, um an die DNA-Proben der potenziellen Väter zu gelangen, und begeben sich damit in die skurrilsten Situationen. Nicht immer zum eigenen Schaden, wie Don feststellen muss. Die Geschichte entwickelt im Fortgang eine rasante Eigendynamik, die den Leser durch Dons liebenswerte, komplett ironie- oder humorfreien Kommentare bisweilen in Nachdenklichkeit, zumeist aber in größte Heiterkeit versetzt. Was Don Tillman auf jeden Fall bewirkt: Dem Leser geht das Herz auf …

Eine weitere gute Nachricht ist noch, dass es auch schon eine Fortsetzung gibt! Dass unsere Welt nicht so einfach aus Fortsetzungen und linearer Weiterschreibung besteht, muss man im realen Leben dann doch hin und wieder feststellen. Als ich im März noch einen Wandkalender erstehen wollte, wurde ich mit dieser Tatsache brutal konfrontiert. Nachdem ich mehrere Schreibwarenläden abgeklappert hatte, fand ich glücklicherweise im letzten noch ein Exemplar und ging damit glücklich zur Kasse. Der sehr junge Mann hinter dem Tresen schaute mich etwas verwundert an und fühlte sich bemüßigt mir zu erklären, dass Kalender ja eigentlich nichts anderes als ein Stück bedrucktes Papier seien. „Wir, also die Leute meiner Generation“, fuhr er belehrend fort,

„wir brauchen so was gar nicht mehr. Wir speichern alles in unseren Smartphones. Zack, so leicht trägt man hier Termine ein. Und wenn man möchte, sogar mit Erinnerungsfunktion.“ Ich wollte auf keinen Fall anfangen, mich vor ihm zu rechtfertigen, und sagte nur, dass ich im vorliegenden Fall doch gern diese Papierversion hätte. „Ja, genau“, konnte man plötzlich eine dünne Stimme vernehmen, „ich schaue auch immer so gern auf meinen Küchenkalender“. Ich drehte mich um und sah, dass der Beistand von einer ca. 80-jährigen Dame kam. Augenblicklich fühlte ich mich mindestens wie hundert. Ich blinzelte der netten Dame kurz zu, zahlte und verließ schnellstmöglich den Laden. Der Typ hätte mir bestimmt auch noch gerne erklärt, dass Armbanduhren mittlerweile total überflüssig sind und dass niemand unter 30 mehr eine trägt. Ich bleibe aber VORSÄTZLICH bei meiner Uhr und finde sie nicht nur praktisch, sondern auch wunderschön!

© Sabine Glitza, Bonn, 04.06.2015

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